Ludwigsburg: Studienjahr auf dem Ludwigsburger Akademien-Campus eröffnet

Über Corona und Vertrauen - die Auswirkungen auf Wissenschaft, Medien und Gesellschaft

Studierende (Foto: Filmakademie Baden-Württemberg GmbH)
Studierende (Foto: Filmakademie Baden-Württemberg GmbH)

Ludwigsburg – Kein Studienbeginn auf dem Campus Ludwigsburg wie jeder andere: Die gemeinsame Eröffnung des Studienjahres 2020/21 am Montag, 21. September 2020, an der Filmakademie Baden-Württemberg (FABW) und ihrem Animationsinstitut sowie der Akademie für Darstellende Kunst Baden-Württemberg (ADK) stand ganz im Zeichen von Corona.

In ihren Begrüßungsreden im Albrecht Ade Studio der Filmakademie drückten Prof. Dr. Elisabeth Schweeger (Künstlerische Direktorin und Geschäftsführerin ADK), Prof. Thomas Schadt (Direktor FABW) und Prof. Andreas Hykade (Leiter Animationsinstitut) allesamt ihre große Freude darüber aus, die neuen Studierenden in persona empfangen zu können und nicht ein weiteres reines Online-Semester angehen zu müssen. Möglich ist dies durch die Erstellung eines umfangreichen Hygiene- und Abstandskonzeptes auf Grundlage der aktuellen gesetzlichen Vorgaben.

Auch die Gastrednerin Prof. Dr. Jutta Allmendinger ging in ihrem Impulsvortrag auf die Auswirkungen der Pandemie auf verschiedenen gesellschaftlichen Ebenen ein. In ihren Ausführungen zu Vertrauen und ihrem Plädoyer für gegenseitigen Respekt wies die Soziologin u.a. auf Entwicklungen hin, die Corona im gesellschaftlichen Miteinander mit sich bringt, z.B. dass durch Online-Konferenzen und -Seminare keine neuen Kontakte geknüpft, sondern lediglich bereits bestehende intensiviert werden. Auch Home Office könne zu Brüchen im sozialen Miteinander von Belegschaften führen. Langfristig werde durch die Digitalisierung der Arbeitsplatz als Begegnungsort erodieren. Umso eindringlicher warb sie daher dafür, neue Architekturen und Foren der Begegnung zu schaffen und rechtzeitig eine breite Diskussion über gesellschaftliche Transformationen anzufachen.

Im anschließenden Gespräch mit Thomas Schadt stand das Verhältnis von Wissenschaft und Medien in Corona-Zeiten im Mittelpunkt. Jutta Allmendinger konstatierte, dass der Wissenschaft durch medialen Druck immer weniger Zeit für sorgfältige Forschung bleibe und die Medien immer mehr die Diskurshoheit zum Thema Corona übernähmen. Dies führe zu einem bedenklichen Vertrauensverlust in die Wissenschaft. Dennoch gab sie den Erstsemesterinnen und Erstsemestern die positive Botschaft mit auf ihren Studienweg, dass es nach wie vor viele vertrauensvolle Bindungen im sozialen Gefüge gebe und ermutigte sie, sich aktiv für die Gesellschaft und Gemeinschaft zu engagieren.

Prof. Dr. h.c. Jutta Allmendinger, Ph.D. ist seit 2007 Präsidentin des Wissenschaftszentrums Berlin für Sozialforschung (WZB) und Professorin für Bildungssoziologie und Arbeitsmarktforschung an der Humboldt-Universität zu Berlin sowie seit 2012 Honorarprofessorin für Soziologie an der Freien Universität Berlin. Sie studierte Soziologie und Sozialpsychologie in Mannheim und Madison, Wisconsin, wurde an der Harvard University promoviert und habilitierte sich an der Freien Universität Berlin. Von 1992 bis 2007 war sie Professorin an der Ludwig-Maximilians-Universität München, von 2003 bis 2007 Direktorin des Instituts für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung der Bundesagentur für Arbeit in Nürnberg.
Sie wurde unter anderem mit dem Bundesverdienstkreuz erster Klasse, dem Communicator-Preis – Wissenschaftspreis des Stifterverbandes für die Deutsche Wissenschaft und dem Schader-Preis ausgezeichnet. 2014 wurde ihr die Ehrendoktorwürde der Universität Tampere verliehen.
Jutta Allmendinger ist in zahlreichen Beiräten im In- und Ausland tätig. Seit 2016 ist sie Mitglied im Aufsichtsrat der Berliner Stadtreinigung BSR. Im Mai 2017 wurde Jutta Allmendinger als Herausgeberin in den neuen fünfköpfigen Herausgeberrat der Wochenzeitung DIE ZEIT berufen. Jutta Allmendinger wurde vom Auswärtigen Amt für das Thomas Mann Fellowship nominiert, in diesem Rahmen lebte und arbeitete sie 2018 für vier Monate im Thomas Mann Haus in Los Angeles.

Die restliche Eröffnungswoche wird für die Studienanfänger*innen im Zeichen eines Workshops mit dem Theater-Kollektiv Rimini Protokoll unter dem Titel „Mind the Gap?“ stehen. Denk- und Handlungsmuster zu hinterfragen, Strategien der Narration und (Selbst)Inszenierung zu erkennen und durch aktive Beteiligung in kleinen Gruppen Impulse für das eigene künstlerische Schaffen zu finden, sind Inhalte des Workshops, der auch danach fragt, welche Wege es gibt, sich konträren Welten künstlerisch zu nähern, sie sicht- und erlebbar zu machen.