„Nächstenliebe oder kalkuliertes Geschäft?“

Podiumsdiskussion

„Wie kann es sein, dass wir nach 50 Jahren Unabhängigkeit immer noch von ihrem Reis, ihrem Benzin, ihren Lebensmitteln und ihrer Milch abhängig sind?“, fragt die afrikanische Frau mit eindringlicher Stimme, ihr Blick ist sehr ernst. Eine kurze Szene aus dem Film Süßes Gift – Hilfe als Geschäft – und doch sagt sie genau das aus, worum es hier geht: Ist die Entwicklungshilfe für Afrika am Ende völlig nutzlos?

Bei der Filmvorführung am letzten Dienstagabend platzt der Karlstorbahnhof Heidelberg aus allen Nähten. Der große Andrang ist nicht selbstverständlich, denn der Film, der hier gezeigt wird, ist kein Unterhaltungsfilm. Eigentlich hatten die Veranstalter, die Hochschulgruppe Go Ahead!, mit viel weniger Besuchern gerechnet: „Wir haben vielleicht 120 Leute erwartet, jetzt sind es an die 300!“, freut sich eine der Mitarbeiterinnen.

Auch der Heidelberger Kulturbürgermeister, Herr Dr. Gerner, nahm an der Veranstaltung teil und sprach vor dem Film ein kurzes Grußwort. Er lobte das Lebenswerk des Regisseurs Peter Heller und bezeichnete ihn als einen der wichtigsten Dokumentarfilmer Deutschlands. Peter Heller hat schon über 30 Filme in Afrika gedreht, in denen er unter anderem auf die sozialen Probleme des Kontinents aufmerksam macht. Das Besondere an seinem neuen Film ist, dass er die Menschen vor Ort selber zu Wort kommen lässt. Und das völlig unkommentiert. Das Ergebnis überrascht, trotz seiner Einfachheit: die Afrikaner kennen die Lösungen für ihre Probleme. Während die Entwicklungshelfer Abhängigkeiten schaffen, sehnen sie sich nach Freiheit. Doch welche Möglichkeiten haben sie? Wieso haben 50 Jahre Entwicklungshilfe und über 450 Milliarden Euro letztendlich kaum zu einem nachhaltigen Effekt geführt?

Auf die Filmvorführung folgt eine Podiumsdiskussion mit Gästen, von denen man Antworten auf eben diese Fragen erwartet: Neben Peter Heller sitzen hier noch der ehemalige ZDF-Afrika-Korrespondent Albrecht Heise, Dr. Rolf Steltemeier in seiner Funktion als Sprecher des Bundesministers Dirk Niebel, der Entwicklungsökonom Prof. Dr. Axel Dreher und außerdem Prof. Dr. Kocra Assoua, Juniorprofessor für Entwicklungspolitik an der Uni Bayreuth. Der Saal ist auch hier wieder dicht gefüllt, das Interesse an diesem Thema anscheinend deutlich größer als erwartet. Viele Studenten sind anwesend, aber auch Zuhörer weit über vierzig. Personen mit gebügeltem Hemd und solche mit Dreadlocks und bunten Klamotten. Fast hat man an diesem Abend den Eindruck, das Thema Entwicklungshilfe sei mitten in der Gesellschaft sehr präsent und viel diskutiert.

Kann man überhaupt von „dem Afrika“ sprechen?

Eine starke These stellt gleich zu Beginn Albrecht Heise in den Raum: Der afrikanische Kontinent sei immer noch nicht entkolonialisiert, die dortigen Regierungen „keine Regierungen für die Afrikaner, sondern für ihre weißen Sponsoren“. Er meint, der Kolonialismus sei schlichtweg privatisiert worden, und würde jetzt von privatwirtschaftlichen Unternehmen organisiert. Ein Punkt, den Steltemeier so nicht stehen lassen will: Er kritisiert Heise als „undifferenziert“, betont, es gäbe sicherlich noch viele „Negativ-Punkte“, aber so pauschal könne man über die afrikanischen Regierungen dann auch wieder nicht sprechen.

Somit ist der erste Konflikt auf dem Tisch: Wer oder was ist überhaupt gemeint, wenn man „Afrika“ sagt? Die Bevölkerung? Die Regierungen? Und wenn ja, welche? Der afrikanische Kontinent ist ein Flickenteppich aus unterschiedlich stark oder gar nicht entwickelten Demokratien, ebenso, wie sich die Staaten in Bezug auf Wirtschaft und religiöse Prägung teilweise deutlich unterscheiden. Schwierig also, hier generalisierbare Aussagen zu treffen.

Kritischer Diskurs nur auf intellektueller Ebene

Was die meisten Afrikaner jedoch gemeinsam hätten, so Assoua, sei der nach wie vor bestehende „mentale Kolonialismus“. Kritische Debatten bezüglich der Entwicklungshilfe spielten sich meist auf intellektueller Ebene ab, die breite Masse könne da überhaupt nicht mitreden und wolle es wohl auch nicht. Man könne sagen, die Afrikaner seien „totgefüttert worden“ mit materieller Hilfe, aber auch mit Ideen und Konzepten von außen.
Weite Teile der Bevölkerung hätten deshalb inzwischen ein „komisches Bild von sich selbst“: In einigen frankophonen Ländern könnten hochgebildete Leute beispielsweise nicht ihre eigene Muttersprache sprechen, da man ihnen von klein auf klargemacht habe, dass dies ein Grund sei, verspottet zu werden. Bildung sei somit das Einzige, was dem afrikanischen Kontinent an sich helfen würde.

Was ist überhaupt Bildung?

Zum Thema Bildung hat eine junge Frau dann auch gleich eine Frage: Was verstehe man darunter eigentlich genau? Was beinhalte diese Bildung, von der man in Bezug auf Afrika und dessen Entwicklung immer spreche – sollten die Kinder etwas über ihr eigenes Volk und die Geschichte ihres Kontinents lernen, oder doch lieber Englisch und das, was man so allgemein als „westliche Kultur“ bezeichne? Es folgt Applaus aus dem Publikum – in der Tat wurde der Begriff Bildung bisher häufig verwendet, aber nie näher definiert.

„Danke für diese Frage“, beginnt auch Assoua seine Antwort. Es sei natürlich wichtig, mit den Dingen anzufangen, die die Afrikaner selbst beträfen. Sie müssten ein neues Denken und mehr Respekt sich selbst gegenüber entwickeln, und dies ginge nur mit Bildung in Bezug auf sich selbst. Aber seiner Meinung nach sei es ebenso wichtig, sich gegenüber der Welt zu öffnen und beispielsweise Englisch zu lernen. Allerdings dürfe man auch nicht vergessen, dass sich der Staat meist zurückziehe, wenn ein Bereich von außen unterstützt werde – was in Bezug auf den Bildungssektor in Afrika fatal wäre. Auch bestehe immer die Gefahr, dass private Akteure auch inhaltlich Einfluss nähmen, wenn sie in den Bildungsbereich investierten.

„So wie auf Sansibar, da erkennen Sie eine Schule von Weitem an dem riesigen Coca-Cola-Schild!“, wirft Peter Heller ein.

Budgethilfe oder Projektfinanzierung?

Die unterschiedlichen Positionen der Teilnehmer sind kontrovers, die Fronten teilweise unscharf. Der Entwicklungsökonom Dreher betont bereits in seinen ersten Sätzen: „Normalerweise bin ich immer der Böse. Hier sind alle schon so böse, da muss ich mal den Guten spielen.“

Dreher vertritt die Ansicht, die Entwicklungshilfe müsse ganz aus den afrikanischen Ländern herausgezogen werden. Wenn, dann solle man solchen Regierungen Budgethilfe zukommen lassen, die sich „verantwortungsvoll ihren Völkern gegenüber verhalten“ und in Bezug auf die Demokratieentwicklung schon weit fortgeschritten seien.

Steltemeier hingegen hält an der Projektfinanzierung fest. Er betont, man habe ein Evaluierungsinstitut für Hilfsprojekte gegründet, eine Art „Menschenrechts-TÜV“ des BMZ, welches prüfe, wie die Situation vor Ort jeweils aussehe. Sowieso seien die Geldströme von den Geber- in die Nehmerländer genau abgesprochen und die afrikanischen Regierungen hätten umfangreiche Mitspracherechte bei der genauen Mittelzuteilung an die jeweiligen Projekte. Drehers Antwort: „Das glaube ich Ihnen schlichtweg nicht“.

Süßes Gift macht abhängig – auf beiden Seiten

Es kann sich an diesem Abend kaum klären, ob nun die von Prof. Dreher geforderte Budgethilfe oder doch eher die vom Bundesministerium für wirtschaftliche Zusammenarbeit und Entwicklung unterstützte Projektfinanzierung der richtige Weg ist. Auch, welche Rolle die Interessen der Geber- und Nehmerländer spielen und was passiert wäre, hätte es niemals Entwicklungshilfe gegeben, kann hier niemand wirklich wissen. Doch der Titel des Films lautet nicht umsonst Süßes Gift: Es gehe um Abhängigkeiten auf beiden Seiten, erklärt Peter Heller, und darum, dass niemand so richtig aus der Situation, wie sie ist, herauskomme.

Trotzdem ist aufrichtiges Interesse wichtig, wenn nicht sogar das Einzige, was zu neuen Wegen im Umgang mit dem afrikanischen Kontinent führen kann. Die Hochschulgruppe von Go Ahead!, einer Organisation, die Bildungsprojekte in Afrika unterstützt, hat an diesem Abend jedenfalls geschafft, was so viele Hilfsorganisationen seit langer Zeit tapfer versuchen: Den Diskurs in die Gesellschaft zu tragen und Selbstkritik zu fördern. Der komplett gefüllte Saal, das bereite Interesse und ein Publikum mit einer vierstündigen Konzentrationsspanne sprachen jedenfalls für sich.