Mannheim: Die Zukunft begann vor 200 Jahren – Wie genial die Idee von Karl Drais wirklich war

Ein Exponat der Drais-Ausstellung (Foto: TECHNOSEUM, Klaus Luginsland)
Ein Exponat der Drais-Ausstellung (Foto: TECHNOSEUM, Klaus Luginsland)

Mannheim – Die Große Landesausstellung „2 Räder – 200 Jahre. Freiherr von Drais und die Geschichte des Fahrrades“ im TECHNOSEUM zeichnet die technische Entwicklungsgeschichte des Fahrrades ebenso nach wie seine gesellschaftliche Rolle und Relevanz im Wandel der Zeit. Gezeigt werden auf einer 800 Quadratmeter großen Sonderausstellungsfläche knapp 100 Fahrräder – vom frühen Laufmaschinenmodell bis zum Singlespeed, das heute trendig ist. Deutlich wird am Ende: Das Fahrrad ist eine genial einfache und dabei höchst energieeffiziente und umweltfreundliche Konstruktion.

„Das Fahrrad wird auch dann noch ein wichtiges Fortbewegungsmittel sein, wenn das Auto mit Verbrennungsmotor längst ausgedient hat“, so Dr. Thomas Kosche, Projektleiter der Ausstellung, bei der Präsentation. „Auch abseits der Wohlstandsregionen ist das Fahrrad erschwinglich, effizient und benötigt zudem keinen Treibstoff, dessen Preis schwankt und dessen Verfügbarkeit begrenzt ist.“ Durch die chronologisch angelegte Schau führt ein in bunten Farben gehaltener Pfad. „Der Rundgang ist einem Fahrradweg nachempfunden, der gewunden ist. Das spiegelt die Entwicklung wider, denn auch die Geschichte des Fahrrades ist alles andere als geradlinig verlaufen“, sagte Rebecca Schröder von res d Design und Architektur GmbH, die die Gestaltung der Ausstellung übernommen hat.

Die Ausstellung lädt zum Ausprobieren ein (Foto: TECHNOSEUM, Klaus Luginsland)
Die Ausstellung lädt zum Ausprobieren ein (Foto: TECHNOSEUM, Klaus Luginsland)

Geschichte mit vielen Wendungen

So verkaufte Drais zu seinen Lebzeiten nur wenige Exemplare der Laufmaschine. Erst rund 50 Jahre später gewann die Weiterentwicklung des Fahrrades mit dem Tretkurbel-Velociped wieder an Fahrt, es wurde im Zuge der Weltausstellung 1867 in Paris zum Verkaufsschlager. Da sich das Gefährt nur schwerfällig und langsam fahren ließ, vergrößerte man sukzessive den Durchmesser des Vorderrades. Beim in den 1870er und 80er Jahren populären Hochrad betrug er schließlich um die anderthalb Meter – damit ließ es sich zwar flott vorankommen, doch auch die Gefahr schwerer Stürze war groß. Es folgte das Sicherheitsniederrad, bei dem der Schwerpunkt tiefer und weiter hinten lag. Zwei gleich große Räder und die Übersetzung der Kurbeldrehung mit einer Kette auf das Hinterrad garantierten eine sichere und schnelle Fahrt. Mit diesem Modell war die Fahrradform gefunden, die bis heute zum Einsatz kommt.

Spielzeug, Massenartikel und Mode-Accessoire

Nach 1900 wurde das Fahrrad zu einem Verkehrsmittel für die breite Bevölkerung: Anfangs noch ein Spielzeug des Adels und des gehobenen Bürgertums, machte es als Massenprodukt um die Jahrhundertwende die Arbeiterschaft mobil und beflügelte die Frauenbewegung. Mit dem Boom von Autos und Motorrädern ab den 1950er Jahren kam das Fahrrad wieder aus der Mode, erst in den letzten Jahrzehnten gab es eine Renaissance: In westlichen Metropolen ist das Fahrrad derzeit nicht nur Fortbewegungsmittel, sondern auch Ausdruck eines Lebensgefühls und modisches Accessoire.

Schläuche flicken und Draisinen reiten

An interaktiven Stationen können die Besucherinnen und Besucher herausfinden, wie Übersetzung und Lenkung funktionieren und wie Kerzen- und Karbidlampen sowie die elektrische Beleuchtung an einem Fahrrad arbeiten. Diverse Fahrradmodelle stehen bereit, die die Besucher ausprobieren können – so darf man beispielsweise auf einem Hochrad Probe sitzen, mit dem Nachbau einer Drais’schen Laufmaschine eine Runde drehen oder Fahrräder mit Hartgummi- bzw. Luftbereifung testen. In einer Werkstatt inmitten der Ausstellung gibt es zudem konkrete Tipps, wie man beispielsweise einen Reifen flickt, die Bremse richtig einstellt oder die Kette korrekt ölt. Denn schließlich soll die Ausstellung die Besucher auch inspirieren, sich öfter selbst in den Sattel zu schwingen und dieses ebenso einfache wie geniale Verkehrsmittel zu nutzen.

Volles Programm rund ums Rad

Begleitend zur Ausstellung gibt es ein reichhaltiges Rahmenprogramm unter anderem mit einer Podiumsdiskussion zur Fahrradfreundlichkeit in Mannheim, mit Vorträgen etwa zur Bedeutung des Fahrrades für die Frauenbewegung oder mit dem Bericht eines Globetrotters, der über 150 Länder mit dem Rad bereist hat. Es werden Führungen auf Deutsch, Englisch und Französisch sowie für Hör- und Sehgeschädigte angeboten. Darüber hinaus gibt es einen Erfinderwettbewerb zur Mobilität der Zukunft, und in den Weihnachtsferien können junge und erwachsene Tüftler aus Fahrradkomponenten individuelle Lampen konstruieren. Das Cinema Quadrat in Mannheim widmet dem Fahrrad eine Filmreihe, bei der ein Klassiker wie „Tatis Schützenfest“ ebenso gezeigt wird wie der Animationsfilm „Das große Rennen von Belleville“. Zur Ausstellung erscheint ein 322-seitiger Katalog, der im Buchhandel für 29,95 Euro erhältlich ist (ISBN 978-3-8062-3374-2). Während der Laufzeit der Ausstellung kann man ihn vergünstigt für 24,95 Euro im Museumsshop des TECHNOSEUM kaufen.

Service

Alle Informationen zu Ausstellung, Begleitveranstaltungen und einem Ratespiel rund um die Ausstellung stehen unter www.technoseum.de.