Neue Publikation: „Die Grenzgänge des Johann Sebastian Bach“

Der Gerontologe Andreas Kruse sieht Bachs Werk als besonderes Beispiel für Alterskreativität.

Aus einer ungewöhnlichen Perspektive beschäftigt sich eine neue Publikation von Prof. Dr. Andreas Kruse mit dem Werk Johann Sebastian Bachs: Mit dem Blick des Alternsforschers betrachtet der Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg das Schaffen und vor allem das Alterswerk des Barock-Komponisten.

Der Psychologe Kruse, der auch Musik und Philosophie studierte, liefert mit Konzentration auf die letzten Lebensjahre Bachs eine psychologische Deutung der Biografie und einzelner Werke des Komponisten, die er als Instrument zur erfolgreichen Bewältigung von Krisen interpretiert. „Bachs Werk ist ein besonderes Beispiel für Alterskreativität und kann helfen, die schöpferischen Potenziale des Alters zu veranschaulichen“, erklärt Andreas Kruse, dessen Buch den Titel „Die Grenzgänge des Johann Sebastian Bach. Psychologische Einblicke“ trägt.

Wie der Alternsforscher erläutert, werden körperliche, geistige und seelische Entwicklungsprozesse im höheren Lebensalter aus Sicht der Alternsforschung maßgeblich von den vorangehenden Lebensphasen beeinflusst. In diesem Zusammenhang bettet Andreas Kruse Bachs Alterswerk in dessen Lebensgeschichte ein.

Seine Publikation gliedert sich in drei Bereiche: Zunächst beschäftigt sich der Wissenschaftler mit dem Verständnis von Kreativität und Altern.

Im zweiten Teil  geht es um eine psychologische Analyse der Familiengeschichte und der Biografie Johann Sebastian Bachs, die immer wieder von Krisen und Grenzsituationen geprägt ist.

Im dritten Teil widmet er sich den „Grenzgängen“ Bachs am Ende seines Lebens, als Werke wie die h-Moll-Messe und die „Kunst der Fuge“ entstehen.

Im Mittelpunkt der Betrachtungen von Prof. Kruse steht dabei die Integration der beiden großen Ordnungen: der Ordnung des Lebens und der Ordnung des Todes. „Die Fähigkeit, rechtzeitig im Leben beide Ordnungen miteinander zu verbinden und sich damit sowohl auf die eigenen Entwicklungsmöglichkeiten als auch auf die eigene Verletzlichkeit und Endlichkeit einzustellen, sehe ich als Grundlage für das Schöpferische Bachs in Grenzsituationen, vor allem am Ende seines Lebens“, erklärt der Wissenschaftler. Dass es dem Musiker selbst in von Krisen geprägten Phasen seines Lebens gelungen sei, kreative Potenziale zu  verwirklichen, sei ein wichtiger Aspekt für die Alternsforschung.

„Die Auseinandersetzung mit Bachs Leben und Werk gibt bedeutende Impulse für ein tieferes psychologisches Verständnis dafür, dass sich die Entwicklung eines Menschen über den gesamten Lebenslauf erstreckt“, betont der Gerontologe.

Andreas Kruse ist seit 1997 Direktor des Instituts für Gerontologie der Universität Heidelberg. Er gilt als einer der führenden Alternsforscher Deutschlands und ist Mitglied in mehreren nationalen und internationalen Kommissionen. Unter anderem ist er seit 2003 Vorsitzender der Altenberichtskommission der Bundesregierung. Für seine Forschung und politische Beratungstätigkeit erhielt Andreas Kruse 2008 das Bundesverdienstkreuz.

Literaturhinweis:

Andreas Kruse: Die Grenzgänge des Johann Sebastian Bach. Psychologische Einblicke. Springer Spektrum 2013.